Signographie : Die Welt der Zeichen

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Kurze Einführung in die Signographie

von Andreas Stötzner
Vs. 1.1 August 2006
 
Signographie definiere ich als die Lehre des graphischen Zeichens. Ihr Gegenstand sind graphische Zeichen jeglicher Art, jedweden Anwendungsgebietes. Im Sommer 2000 erschien auf meine Initiative hin die erste Ausgabe der Schriftenreihe Signa, in der zum ersten Male eine Konzeption dieses Studienfaches unter dem Namen Signographie vorgestellt wurde.[1] Seitdem erscheinen etwa halbjährlich neue Hefte mit Beiträgen zu signographischen Themen, die auf wachsendes Interesse stoßen.

Um allen Interessenten einen einfachen Einstieg in das Fach zu ermöglichen, stelle ich hier eine Reihe von Erläuterungen zum Verständnis des Faches, seiner Inhalte und Anliegen zur Diskussion.

Was ist ein Zeichen?
Dieser Frage beschäftigt seit geraumer Zeit die Vertreter der Semiotik (Zeichenlehre, im allgemeinsten Sinne). Ein Zeichen kann ein Buchstabe, ein Signet, ein Gegenstand, eine Handbewegung, ein Ton, eine Geste, ein Bild oder sonstetwas sein. In Winfried Nöths aktuellem Handbuch der Semiotik wird (auf Seite 133) zur allgemeinen Definition des Zeichens ausgeführt: »Jedes Objekt, jedes Ereignis oder Verhalten ist (...) ein potentielles Zeichen. Sogar Schweigen, das ja die Abwesenheit von Materialität und Zeichen zu beinhalten scheint, kann als ein Zeichen fungieren (...)[2]«
Da demnach letzlich alles als Zeichen gewertet werden kann, ist eine Unterscheidung zwischen dem als zeichenhaft betrachteten und dem nicht als zeichenhaft betrachteten notwendig. Oder, anders ausgedrückt: ein Zeichen ist zum einen ein bloßer Zeichenträger (z. B. ein Verkehrsschild), zum anderen aber die Gesamtheit aus Zeichenträger, Zeichenbedeutung und Bedeutungszusammenhang. Dieser Zusammenhang funktioniert in der Regel als Übereinkunft zwischen Mitteilendem und Mitteilungsempfänger.

Eigenartigerweise hat sich die philosophisch und linguistisch geprägte Semiotik bis heute kaum mit dem befaßt, was man normalerweise am ehesten unter Zeichen versteht: graphische Zeichen.

Was ist ›graphisch‹?
Das griechische graphein bedeutet soviel wie ritzen, schreiben, zeichnen. Es meint das Erzeugen einer Markierung als Bewegungsspur auf einem Untergrund; etwa mit dem Finger im Sand, mit der Feder auf Papier oder mit einem Griffel auf einer Schiefertafel. Im Gegensatz zu abdruckerzeugenden Techniken (Schablonieren, Drucken), bei denen die abgebildete Form einer bereits vorhandenen Form entspricht, entsteht beim Graphieren das Formgebilde ursprünglich erst im Moment der Bewegung des Werkzeuges. Die so entstehende Markierung ist wesentlich von den Bedingungen der Erzeugungsweise bestimmt: mit einem griffelartigen Werkzeug kann man punktieren und Striche ziehen, man kann krumme Linien und Haken schreiben, Winkel-oder Kreuzungen u. dgl.. DIese elementaren Möglichkeiten des Griffels bilden die Grundlage jeder graphischen Äußerung – und der Signographie.

Die Eigengesetzlichkeit des Graphischen
Unser Denken wird in bedeutendem Maße von der Vorstellung solcher Graphotypen geprägt: Strich, Winkel, Ständer, Kreuz, Bogen, Krümmung, Welle, Spirale, Kreis. Ein Beispiel. Wenn wir „Kreuz“ denken oder sagen, meinen wir nicht, daß etwas wie eine Kreuzung aussieht. Sondern wir denken, wenn wir „Kreuzung“ sagen, daß da etwas wie ein Kreuz ist. „Kreuz“ ist demnach eine axiomatische Denkfigur, ein geistiges Urbild, das wir in konkreten Dingen – und in sehr verschiedenen zumal! – wiedererkennen. Noch bevor eine kreuzartige Form als „Kreuzzeichen“ irgendeine auferlegte Bedeutung bekommen kann, hat die Abstraktionsform [Kreuz] die nur ihm eigene Urbedeutung des Kreuzes als solchem.

Was ist ein graphisches Zeichen?
Unter der großen Gesamtheit aller visuellen Zeichen nehmen die graphischen Zeichen insofern eine Sonderrolle ein, als bei ihnen die Spezifik der Zeichen(träger) – das Graphische –, mehr als bei sonstigen visuellen Zeichen mit der tatsächlichen Verwendung als Informationsträger zusammenfällt. Einfache graphische Gebilde werden ungleich häufiger als Kommunikationsmedium eingesetzt als etwa gemalte oder photographierte Bilder. (Natürlich gibt es Zwischenstufen und nahtlose Übergänge.)
Der Impuls etwas zu zeigen fällt klassischerweise mit der Handlung etwas zu zeichnen (schreiben) zusammen. Graphische Zeichen sind visuell wahrnehmbare Markierungen, die aus tendenziell einfachen graphischen Gebilden bestehen und die in irgendeinem Zusammenhang der Speicherung und Ubermittlung von Informationen dienen.

Warum ein eigenes Fach namens Signographie?
Haben wir oben „das Graphische“ als prinzipiell eigengesetzlich beschrieben, müssen wir doch feststellen, daß es bis jetzt keine Forschungsdisziplin gab, die sich allgemein und grundlegend der Erscheinung des Graphischen und ihren Gesetzen widmete. Zwar gibt es etliche Fächer, die sich mit Graphischem befassen, aber eben noch keines, welches das Graphische schlechthin untersucht.
Fachrichtungen wie Paläographie, Epigraphie oder Typographie sind jeweils auf historisch-sachlich konkrete Ausprägungsmuster graphischer Formerzeugung begrenzt. Die Schriftgeschichte ist weitgehend ein Kind der Sprachwissenschaft und betrachtet Zeichen bis heute weitgehend nur dann, wenn sie als „Schrift“ anerkennbar sind.
Allerdings kann niemand eine konzise Definition für Schrift liefern, der Begriff ist genaugenommen nur umgangssprachlich relevant.
Es gibt große Sachgebiete graphischer Notation, die dem traditionellen „Schriften“-Feld jedenfalls ebenbürtig sind – etwa Mathematik-, Musik- oder technische Notationen, Kartographie –, die aber nicht in ebenbürtiger Weise erforscht sind. Doch all diese Graphien sind miteinander vergleichbar, da sie alle graphisch sind. Diese Tatsache deutet auf einen gemeinsamen Kern, der Grundlage und Gegenstand signographischer Betrachtung ist und der so noch von keiner anderen Disziplin behandelt wird.

Wie erklärt sich die Bezeichnung Signographie?
Die Bezeichnung Signographie wurde von mir nach reiflicher Überlegung und Beratung mit sprachkundigen Kollegen gewählt. Dabei stand ich vor dem Problem, daß ein Terminus, der auf das eigentlich Graphische abzielt, zu einer Bezeichnung wie Graphik, Graphemik, Grammatik oder Graphologie führen müßte – welche alle schon belegt sind. Auch Grammatologie ist in der Semiotik schon benutzt worden,[3] Semiographie wurde in Hinblick auf Semiotik/Semiologie ebenfalls verworfen.
Da mir Grammatographie nicht opportun erschien, fiel die Wahl auf Signographie, eine græcolateinische Chimäre schließlich in Kauf nehmend. Gerechtfertigt wird diese Wahl in meinen Augen auch dadurch, daß es hier nicht nur um graphische Zeichen im engsten Sinne geht, sondern auch um solche Zeichen der visuellen Kommunikation, die ihre Gestalt nicht ausschließlich rein graphischen Prozessen im physischen Sinne verdanken. (Unsere Buchstaben etwa sind Ergebnis einer Reihe unterschiedlicher Reproduktionsprozesse.)

Was ist Signographie?
Die Lehre des graphischen Zeichens. Damit ist sowohl eine graphische Formenlehre gemeint als auch die Untersuchung der Verwendung graphischer Gebilde als Zeichen.
Untersuchungsgegenstand sind Zeichen und Zeichensysteme aller Art, von historischen und rezenten Schriften über Hausmarken, Firmensignets, Landkarten- oder Gerätezeichen bis zu elektrotechnischen oder musikalischen Notationssystemen. Die Signographie identifiziert und beschreibt Zeichen, den Zusammenhang zwischen Gestalt und Gebrauch des Zeichens; Anatomie und Metamorphose von Zeichen.
Der Sinn signographischer Forschung ist, fundierte Erkenntnisse über Entstehung und Entwicklung sowie den Gebrauch von Zeichen zu gewinnen. Es geht um die Kenntnis von Zeichenvorkommen, um Verständnis des Zeichenhaften, der Zeichen und ihrer Darstellung.

Zum Herunterladen:

PDF-DateiKurze Einführung in die Signographie (deutsch)
PDF-DateiIntroduction to Signographics (english)


Letzte Änderung: 11.11.2007 09:00